Rhetoria - Freie Rednerin (IHK) - Oder auch: Der Beginn einer Selbstständigkeit

"Ich mache mich niemals selbstständig!"


Das war mein Credo und zwar über viele, viele Jahre hinweg. Ich hatte zwei erfolgreiche Selbstständigkeiten in der Familie über viele Jahre beobachten können und alles, was sie mit sich brachten. Sorgen um die Existenz, lange Arbeitszeiten und diverse schlaflose Nächte. Allerdings auch Motivation und Stolz darauf, etwas selber zu erschaffen, mit Leben zu füllen und durch Qualität und die eigene Leistung zu erhalten. Mich selbst habe ich allerdings wirklich nicht in der Rolle der selbstständigen Chefin gesehen, die die Verantwortung für den Erhalt eines Unternehmens selber schultert.


Diese Überzeugung hielt sich hartnäckig bis ins letzte Jahr hinein. Allerdings auch deshalb, weil ich gar nicht gewusst hätte, womit ich mich hätte selbstständig machen sollen. Nicht, dass ich viel mehr Ideen gehabt hätte bezüglich eines Traumjobs in einem Anstellungsverhältnis - nein, noch war ich Studentin der Evangelischen Theologie und der Nahoststudien bzw. der Judaistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Und obwohl mir die Fächer in ihrem wissenschaftlichen, universitären Zusammenhang gefielen, war ich mir nicht wirklich im Klaren darüber, was ich mir auf beruflicher Ebene davon auf Dauer versprach. Viele kennen sie, die gefürchtete Frage: "Und was machst du dann, wenn du fertig studiert hast?" Ja. Hmm. Fantastische Frage. Auf jeden Fall mache ich mich nicht selbstständig! Womit auch?!


Dann kam 2019. Ein Jahr voller Veränderungen. Konstant begleitete mich die Frage, wie es nach dem Studium weiter gehen würde, doch damit konnte ich mich häufig bestenfalls nebenbei beschäftigen. Denn leider gingen mein Großvater und meine Großmutter im selben Jahr, im Abstand von etwa fünf Monaten, auf ihre letzte Reise. Was danach folgte, kennen viele aus eigener Erfahrung - die Organisation von Trauerfeiern und Beerdigungen. Eine stressige Zeit, die kaum Raum für wirkliche Trauer lässt. Zu viel ist zu tun. An zu viel zu denken. Die Zeitspanne, die man hat, ist oft nur gering und die Aufgaben zahlreich. Eines war mir allerdings von Anfang an klar: Ich würde die Trauerreden halten als letzten Dienst für meine Großeltern.


Es gab mir allerdings auch die unfreiwillige Gelegenheit, die Arbeit des Bestatters aus erster Hand zu erleben und alles, was sie mit sich brachte, was deutlich umfangreicher war, als mir bewusst gewesen war. Auf der Suche nach einer Arbeit, die mich ansprach und meinem Hintergrund in der Theologie, begann ich mich dafür zu interessieren und es als möglichen Beruf in Erwägung zu ziehen. Besonders die Arbeit mit den Angehörigen der Verstorbenen, die Trauergespräche und die Hilfe, die man in einer solchen Zeit sowohl emotional als auch organisatorisch geben kann, faszinierten mich.

Nach den gelungenen Trauerfeiern und zwei von mir gehaltenen Reden, die auf viel Lob, Dankbarkeit und Rührung stießen, suchte ich das Gespräch mit dem Bestatter und forschte nach, ob er sich mich nicht in seinem Berufsfeld vorstellen könne - und seine Reaktion war es, die die Grundfesten meiner Überzeugungen einmal durchschüttelten.


"Bestatterin? Warum wirst du nicht Freie Rednerin? Deine Reden waren doch toll." Diese Frage erwischte mich kalt und unwissend, denn ich hatte bisher noch nie von Freien Rednern gehört, war eher der Meinung, dass es sich dabei um ein Ehrenamt hielte. Er lachte und erklärte mir, was es damit auf sich habe. Dass es ein ganz eigenes Berufsfeld sei, das diverse Zeremonien abdecke, dazu die Arbeit mit Angehörigen, Brautpaaren, Eltern und anderen Beteiligten an den jeweiligen Zeremonien. Kurz gesagt beschrieb er alles, was ich gerne machen würde und erfahrungsgemäß gut beherrschte in einem einzigen Berufsfeld, das keinen ganz speziellen Studienabschluss benötigte, um eben diesen zu ergreifen. Der einzige Haken... "Freie Redner - ja, das sind Selbstständige!"


Die nächsten Tage waren gefüllt von Aufregung, Beseeltheit und Recherche. Ich fand eine Möglichkeit zur Fortbildung als Freie Rednerin mit anschließender Zertifikatsprüfung bei der IHK Köln und beschloss: Wenn, dann richtig. Wenn, dann mit Zertifikat. Schnell war mir klar, wenn dieser Beruf nur im Mindesten hielt, was er versprach, dann würde ich mich dafür mit Sicherheit selbstständig machen und mich vorher vernünftig ausbilden lassen. Und das habe ich getan. Die Fortbildung absolviert. Die Prüfung bestanden. Rhetoria ist gegründet.


Immer wieder sorgten sich meine Großeltern darum, was ich wohl einmal beruflich machen würde. Mein ganzes Leben lang haben sie mich in meiner Entwicklung unterstützt und motiviert. Dass ich durch die Ehrung ihres Lebens den nächsten und besten Schritt auf meinem Weg gefunden habe, schließt einen Kreis, für den ich sehr dankbar bin. Ich widme Rhetoria ihnen und hoffe, dass aus dem Sprössling ein stattlicher Baum erwächst - mit ihnen als die Wurzeln.


Selbstständigkeit, here we go!